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Die Überlegungen hinter der Sitzordnung

Matthias MayProbenarbeitaktualisiert am

KI-generiertes Bild: Leerer moderner Probenraum, Stühle und Notenpulte im Halbkreis, einzelne Stühle versetzt aufgestelltKI-generiertes Bild

Fragen Sie in Ihrem Orchester einmal, warum die Flöten links sitzen. In den meisten Fällen lautet die Antwort: weil sie dort immer schon sitzen.

Das ist kein Vorwurf. Sitzordnungen sind fast überall gewachsen und nicht entschieden worden – sie sind ein Erbe, das mit dem Vorgänger übernommen und dann nicht mehr angefasst wurde. Manchmal ist das die beste aller Lösungen. Manchmal ist es nur die älteste.

Dieser Beitrag nimmt keine Position dazu ein, welche Aufstellung die richtige ist. Er sammelt die Überlegungen, die man anstellen kann, wenn man die Frage einmal bewusst stellen will.

Was eine Sitzordnung überhaupt beeinflusst

Sie wirkt auf vier Ebenen gleichzeitig, und diese Ebenen widersprechen sich regelmäßig.

Der Klang im Saal. Was beim Publikum ankommt, hängt davon ab, welches Instrument in welche Richtung abstrahlt und was ihm im Weg steht.

Das Hören untereinander. Ein Register, das seinen Partner nicht hört, kann sich nicht anpassen – weder in der Intonation noch im Timing. Das ist häufig der wichtigere Faktor, weil er die Probenarbeit betrifft und nicht nur den Konzertabend.

Der Sichtkontakt. Zum Dirigenten, aber ebenso zwischen Registern, die aufeinander reagieren müssen.

Die soziale Ebene. Wer vorn sitzt, wer hinten, wer neben wem – das ist im Laienorchester nie nur eine akustische Frage.

Eine Aufstellung, die für das Publikum optimal ist, kann das Zusammenspiel erschweren. Eine, die das Hören untereinander erleichtert, kann eine Gruppe im Saal untergehen lassen. Es gibt hier keine Lösung ohne Preis, nur eine bewusste Gewichtung.

Die Einflussfaktoren

Der Dirigent und Instrumentationsdozent Manuel Epli nennt in seinem Fachartikel zur Sitzordnung im Blasorchester fünf Faktoren, die mir als Ordnung brauchbar erscheinen:

Faktor Worum es geht
Besetzung Welche Instrumente das Werk verlangt – und welche tatsächlich da sind
Besetzungsgröße 30 Musiker verlangen eine andere Lösung als 80
Genre und Stilistik Originalliteratur, sinfonische Transkription, traditionelle Blasmusik
Raum Konzertsaal, Kirche mit Nachhall, Turnhalle – jeweils andere Akustik
Klangvorstellung Verschmelzung aller Register oder Transparenz der einzelnen Gruppen

Der letzte Punkt ist der interessanteste, weil er als einziger keine Sachzwangfrage ist. Wer will, dass alle Sätze zu einer Einheit verschmelzen, stellt anders auf als jemand, der jede Gruppe im Tutti heraushörbar halten will. Beides ist legitim, und beides ist eine ästhetische Entscheidung, die man aussprechen sollte, statt sie in der Stuhlaufstellung zu verstecken.

Ein Hinweis, der oft untergeht: Manche Komponisten geben in der Partitur einen Aufstellungsvorschlag mit – vor allem dann, wenn eine besondere Besetzung gefordert ist oder ein räumlicher Effekt beabsichtigt war. Ein Blick dorthin lohnt sich, bevor man selbst konstruiert.

Die gängigen Denkansätze

Es gibt nicht die eine Systematik, aber vier wiederkehrende Grundgedanken.

Orientierung am Sinfonieorchester. Flöten, Oboen und Fagotte in der Mitte, die Klarinetten übernehmen die Position der Violinen. Für Bearbeitungen sinfonischer Werke naheliegend – bei Originalliteratur für sinfonisches Blasorchester stößt dieses Muster schneller an Grenzen, weil dort ganz andere Klangkombinationen geschrieben werden.

Instrumentenfamilien zusammenhalten. Saxophone bei den Saxophonen, tiefes Blech beim tiefen Blech. Das Orchester wird nicht nach Stimmlagen sortiert, sondern nach Familien. Ergänzend dazu: Instrumente, die häufig gemeinsame Passagen haben – etwa erste Trompete und erste Posaune –, sollten nicht weit auseinandersitzen, weil sie sich sonst nicht aufeinander einstellen können.

Abstrahlrichtung als Leitgedanke. Blechinstrumente strahlen stark gerichtet ab. Daraus lässt sich argumentieren, dass sie nach vorn spielen sollten – oder, genau umgekehrt, dass Hörner, Tenorhörner, Euphonien und Tuben mit dem Schallbecher ins Orchester hinein am wärmsten klingen. Beide Positionen werden in der Praxis vertreten. Wer sich für eine entscheidet, sollte wissen, dass es die andere gibt.

Aufstellung innerhalb des Registers. Auch die Frage, wie eine Gruppe in sich sitzt, ist eine Entscheidung. Manche Dirigenten setzen die Klarinetten trichterförmig, sodass in der ersten Reihe alle drei Stimmen vertreten sind und jede Stimme keilförmig nach hinten läuft. Andere sortieren streng nach Stimmen. Das eine begünstigt das Hören innerhalb des Akkords, das andere die Homogenität der einzelnen Stimme.

Der Schutz schwächerer Gruppen zieht sich quer durch alle Ansätze: Wer direkt vor den Trompeten sitzt, hört sich selbst kaum noch und beginnt zu forcieren – mit hörbaren Folgen für Klang und Intonation.

Der Aspekt, der fast immer fehlt

In den meisten Diskussionen über Sitzordnung geht es um Klang. Über das Gehör der Musizierenden wird selten gesprochen.

Untersuchungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin beziffern den durchschnittlichen Lärmpegel in Sinfonie- und Opernorchestern auf 80 bis 100 dB(A) – Werte, die geeignet sind, Gehörschäden zu verursachen. Besonders betroffen sind diejenigen, die vor den Blechbläsern sitzen. Und die Belastung entsteht dabei häufig nicht durch das eigene Instrument, sondern durch das des Nachbarn.

Bemerkenswert ist, wie die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung die Gegenmaßnahmen sortiert: Technische und organisatorische Maßnahmen stehen vor dem persönlichen Gehörschutz – und ausdrücklich genannt werden neben der Raumakustik und Schallschutzschirmen auch Änderungen der Sitzordnung. Die Aufstellung ist damit nicht nur ein klangliches, sondern auch ein gesundheitliches Instrument.

Einordnung, die dazugehört: Diese Regelwerke betreffen Berufsorchester als Arbeitsstätten. Ein Musikverein ist für seine ehrenamtlichen Mitglieder kein Arbeitgeber, und die Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung greift dort nicht in derselben Weise. Ich bin kein Jurist und will das hier nicht abschließend bewerten. Physiologisch macht es für ein Ohr allerdings keinen Unterschied, ob es ehrenamtlich oder beruflich vor der Trompetenreihe sitzt.

Die soziale Seite

Eine neue Sitzordnung ist im Amateurorchester nie nur eine akustische Maßnahme. Plätze sind über Jahre entstanden, sie haben Bedeutung, und wer sie verändert, verändert etwas an der Ordnung der Gruppe – auch dann, wenn keine Stimme neu verteilt wird.

Das ist kein Argument gegen Veränderung. Es ist ein Argument dafür, sie zu begründen und anzukündigen, statt am Probenabend die Stühle umzustellen und den Rest sich selbst zu überlassen. Wer einen musikalischen Ausschuss hat, hat dafür den passenden Ort.

Wie man vorgeht, wenn man es ernst meint

Die Literatur ist sich in einem Punkt bemerkenswert einig: Es gibt keine allgemein richtige Aufstellung, nur eine für dieses Orchester, in diesem Raum, mit diesem Programm passende. Daraus folgt ein Verfahren statt einer Lösung.

  • Eine Variante über mehrere Proben testen, nicht über zehn Minuten. Der erste Eindruck ist fast immer der der Ungewohntheit.
  • Aufnehmen – vom Saal aus, nicht vom Pult. Was am Dirigentenplatz ankommt, ist nicht das, was das Publikum hört.
  • Jemanden hören lassen, der Ohren hat und nicht mitspielt.
  • Die Musizierenden fragen: Wen hörst du jetzt besser, wen schlechter?
  • Bei Raumwechsel neu denken. Eine Aufstellung, die im Probenlokal funktioniert, ist in der Kirche eine andere Aufstellung.

Und der ehrlichste Satz zum Thema: Wenn die aktuelle Ordnung nach Prüfung die beste bleibt, war die Prüfung trotzdem nicht umsonst. Dann sitzt das Orchester zum ersten Mal so, weil es so sitzen soll – und nicht, weil es niemand hinterfragt hat.


Quellen

  • Manuel Epli: Sitzordnung im Blasorchester – Dos und Don'ts. manuelepli.de – der erste Teil des Artikels ist frei zugänglich, der zweite erfordert eine Newsletter-Anmeldung.
  • Blasmusikblog: Sitzordnungen für Blasorchester – Beispiele. Neun Dirigenten stellen die Aufstellung ihres Orchesters vor und begründen sie. bis 40 Musiker:innen · ab 40 Musiker:innen
  • Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung: Präventionsleitlinie Gehörschutz für Musiker. dguv.de
  • Jürgen Meyer: Akustik und musikalische Aufführungspraxis. Das Standardwerk zur musikalischen Akustik; es behandelt Richtcharakteristik der Instrumente und Sitzordnungen im Orchester ausführlich. Für alle, die tiefer einsteigen wollen.

KI-Hinweis: Titelbild mit Hilfe von künstlicher Intelligenz erstellt.